Künstlerisches Schaffen im Spannungsfeld zwischen  Ingenieurwissenschaften und Kunst

Von Dieter Gutknecht, Wien

 

 

Im Einladungstext zu einer Ausstellung, die im Herbst 2005 im Prechtl-Saal der technischen Universität Wien stattfand, hat sich Uta Heinecke mit den folgenden Worten vorgestellt:

„Im Rahmen dieser Ausstellung möchte ich mein zweites, verborgenes, geheimes Ich vor­stellen. Die meisten Menschen kennen nur einen Teil von mir. Die Einen kennen mich als Bau­ingenieurin, die Anderen als Künstlerin. Der Titel meiner Ausstellung – angelehnt an R. L. Stevenson – symbolisiert meine zwei Seiten; den Doktor der Technik und die Künstlerin, Dr. Jekyll und Mrs. H., nicht Hyde, sondern Heinecke“.

 Ausgehend von diesem Motto thematisierte Uta Heinecke am Beginn dieser Ausstellung das „Spannungsfeld“, das sich aus der gleichzeitigen intensiven Auseinandersetzung mit Technik - auf der einen Seite - und Kunst - auf der anderen Seite - ergibt. Das Spannungsfeld wird visualisiert in einer Rauminstallation auf Basis von zwei Dreiecken, die mit ihren Spitzen aufeinander treffen.   (Abb. 1)

Auf der einen Seite stehen die Dissertation, Ausschnitte aus Forschungsberichten, Unter­lagen für Vorträge, Notizen, Rechenergebnisse  – Arbeiten, die mathematisch formulierten, strengen methodischen Regeln folgen. Dem gegenüber liegen Skizzenbücher, „Tagebücher“, die mit den Mitteln der Malerei und der Grafik Bilder von innerlich Erlebtem geben, dahinter Zeichnungen, Studien, Ausstellungs­ein­ladungen. In Worten Heineckes:
„Zwei Pole, zwei Welten, symbolisiert durch die Rauminstallation in den Farben schwarz und weiß, stehen sich gegenüber. Die technische, reale, naturwissenschaftliche Welt trifft auf Träume und Erlebniswelten“.

Dass das Aufeinandertreffen dieser beiden Welten in solcher Schärfe und persönlicher Fokussierung formuliert werden kann, liegt in der Biografie Heineckes und in ihrem bemerkenswerten Werdegang begründet.

Uta Heinecke wurde 1973 in Haldensleben, Sachsen-Anhalt, geboren. 1984 verließ die Familie aus politischen Gründen die DDR und lebte von 1984 bis 1988 in Budapest, wo Uta Heinecke die Schule und später die Kunstklasse des Margit-Kafka-Gymnasiums in Budapest besuchte und erste Impulse für ihre künstlerische Entwicklung empfing. Es folgten fünf Jahre in Hamburg, wo sie 1992 maturierte und mit dem Studium des Bauingenieurwesens begann. 1993 wechselte sie dann an die TU Wien, um hier gleichzeitig an der nahe gelegenen Akademie für Bildende Künste Malerei und Grafik studieren zu können. Als Absolventin der Meisterklasse Damisch (siehe Abb. 2) schloss sie hier 1998 ihr Studium ab, ein Jahr später folgte die 2. Diplomprüfung aus dem Bauingenieurwesen.

Von 1999 bis 2004 war Heinecke am Institut für Hydraulik, Gewässerkunde und Wasserwirtschaft zunächst als Universitätsassistentin und dann als Forschungsassistentin tätig. 2004 schloss sie hier ihr Doktoratsstudium mit einer Dissertation im Fachgebiet Hydrologie (Betreuer Gutknecht, siehe Abb. 3) mit Auszeichnung ab.

Seitdem hat Uta Heinecke ihr künstlerisches Werk ständig weiterentwickelt und an Biennalen und Messen sowie an zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen teilgenommen  und dabei viel Beachtung für ihre Arbeiten gefunden. Nach einigen Jahren der Tätigkeit als Bauingenieurin im Bereich des Projektmanagements widmet sich Heinecke wieder seit Kurzem ganz ihrer künstlerischen Arbeit, die im Folgenden in diesem Beitrag vorgestellt werden soll.

 

Künstlerischer Werdegang und Werk

Heineckes künstlerischer Lebensweg begann in Ungarn. Mit der Teilnahme an der Sommerhochschule Zebegény, den Künstlerkolonien der Kunsthochschule Budapest in Makó und Tihany und in den Druckwerkstätten der Miskolcer Galerie entstanden Kontakte zur Kunstszene in Ungarn, die für ihre Anfänge wichtig und prägend waren. Schon 1992 gründete sie mit anderen jungen Künstlern aus Ungarn und Siebenbürgen die Künstlergruppe Túlsó pART, deren Name zu Deutsch etwa „Die andere Partei“ bedeutet. Der Name signalisiert, was der Gruppe ein Anliegen war, nämlich, „die im Westen noch unbekannte Kunst Osteuropas bekannter zu machen und eine Brücke zu schlagen zwischen den Kunstauffassungen in Ost und West“. Durch mehr als zehn Jahre hindurch veranstaltete die Gruppe Ausstellungen und Performances in Ungarn, Rumänien und Deutschland, an denen Uta Heinecke maßgeblich mitwirkte.

Das Studium in der Meisterklasse bei Professor Gunter Damisch führte Uta Heinecke zu einer intensiven Beschäftigung der Druckgrafik, hier insbesondere mit Radierung, Lithografie und Holzschnitt. Auf den Holzschnitt wurde sie nach eigenen Angaben von ihrem Professor an der Akademie aufmerksam gemacht, der ihr eines Tages eine Holzschnittplatte auf den Tisch legte mit den Worten ,,Diese Technik würde zu dir passen“.

In dieser Technik entstanden die ersten Serien von Farbholzschnitten mit dem Titel „Erinnerungen an Afrika“,  in denen sie Erinnerungen, Momentaufnahmen aus ihrem Leben in einer für sie charakteristisch werdenden eigenen Symbolsprache zum Ausdruck brachte.

Heineckes Werk zeichnet sich inzwischen durch eine große Vielseitigkeit in den angewendeten Techniken und Materialien aus. Immer wieder kehrt sie aber zur aufwändigen Technik der Druckgrafik zurück. Die Holzschnitte werden dabei großformatiger, es entstehen Druckstöcke bis zu 2 m Kantenlänge. Als Material dient „alles, was ihr in die Hände kommt“, Reste von Schiffböden, Türschwellen, Deckeln von Zigarrenschachteln, Dreischichtplatten, aber auch leichtes Sperrholz, welches ein großformatiges Arbeiten erst ermöglicht. Für feingliedrige Arbeiten werden hochwertige Harthölzer eingesetzt. Der reine Holzschnitt wird mit Schablonendrucken ergänzt. Amorphe Formen werden bevorzugt, die Druckvorlagen besitzen selten gerade Kanten.

Uta Heinecke experimentiert gern. Die Bildträger wandeln sich, neben geschöpften Papieren verwendet sie Pergamentpapier und verschiedene Stoffe. Die Eignung des Holzschnittes auch für textile Materialien nutzt sie zur Schaffung von Drucken auf hellen, oft transparenten Stoffen. Die gedruckten Figuren, Formen, Symbole treten darauf je nach Material und Beleuchtung in unterschiedlicher Weise und Intensität in Erscheinung. Es entstehen dabei bedruckte Textilbahnen, die bei einer Länge von oftmals mehreren Metern in Form von effektvollen Rauminstallationen gezeigt werden. (Abbildung 5).  

In ihrem Text zu Heineckes Ausstellung im Kunstraum Farmsen in Hamburg 2001 beschreibt die Hamburger Kunstreferentin Mewes die Wirkung dieser Textilien, indem sie auf das Wechselspiel zwischen Bild, Stoff, Licht und Raum hinweist: Sie „entfalten ihre Leichtigkeit und ihren ganzen Zauber besonders bei Tageslicht, .... einseitig vom Licht getroffen erscheinen auf der bestrahlten und der nicht bestrahlten Seite verschiedene Bilder, im Lichtschatten erscheinen Formen, die bei Licht, weil farblos gedruckt, verborgen bleiben“.

Andere Effekte erzielt Heinecke, indem sie die Textildrucke mit Neon hinterleuchtet. In den so entstehenden „Leuchtobjekten“ kann unabhängig von der Tageszeit und der Hängung der Beleuchtungszustand „konserviert“ und die gewünschte Bildwirkung eingestellt werden kann. Heinecke gewinnt so ausgehend vom klassischen Hochdruckverfahren technisch innovative Ausdrucksmittel, die vielfältige Bild-Raum-Wirkungen ermöglichen.

 

Symbolsprache 

Ein Charakteristikum der Arbeiten Heineckes ist wohl die ihnen eigene, persönliche Symbol­sprache. Ob Zeichnung, Holzschnitt oder Malerei, in allen Bildern finden sich Formgebilde, teils figürlichen, teils nicht figürlichen Inhalts. „Da sitzt ein Männchen verwischt, ein Tier darüber gezeichnet, in einen Kasten gezwängt, darauf ein beobachtender Vogel, der zum Baum wird.... Es taucht ein Stiefel auf, er geht wieder. Wem gehört der Stiefel? ... Ein Fuß, eine Hand, eine Leiter, wohin sie wohl führt, wohin gehen wir?“. So die Notiz Heineckes zu ihrer Ausstellung „Ein Korb voller Erinnerungen“ im Jahr 2002.

 

Manches in diesen Symbolen mag Erinnerungen widerspiegeln, so etwa Formen, die auf Eindrücke von Reisen nach Tansania, Uganda, Kenia und an die Elfenbeinküste zurückgehen. Anderes, zum Beispiel Flugzeuge, Sputniks etwa, mag seinen Hintergrund in Erlebnissen oder Begegnungen mit konkreten Personen – so etwa mit dem Kosmonauten Viktor Afanasief, dessen Bildberichte von Weltraumflügen inspirierend wirkten – haben.

 

Dem ungarischen Kunsthistoriker Novotny (2001) folgend wohnt den Symbolen sowohl in den Zeichnungen als auch in den Ölbildern immer wieder auch ein stärker expressiver, subjektiver Charakter inne, weisen sie nach Damisch (2002) auf „Themenstellungen, die man als existenzielle empfindet“ hin (Abb. 7). In ihren Formen und ihrem Gestus drückt sich etwas Ursprüngliches, aus dem Leben und Erleben heraus Entspringendes aus, das einen deutlichen Gegenpol zu der uns im täglichen Leben heute entgegentretenden, Hochglanz und Glitter zelebrierenden Bilderwelt bildet. Für Uta Heinecke birgt das Leben auch ein Geheimnis, dem nachzuspüren, es zu entdecken, für sie wichtig ist, und wofür sie in der künstlerischen Arbeit einen Zugang sieht. Dem entspricht auch der Chiffren-Charakter der figurativen Darstellungen, der dem Betrachter eine direkte Entschlüsselung vorenthält und ihm einen Freiraum lässt für eine neue, eigene Interpretation.

 

Das gilt auch für die Serie von Arbeiten, die Heinecke unter den Titel „Dialoge“ stellt, in denen sie Mischtechniken und Zeichnungen mit Farbholzschnitten verknüpfte. Malerisch freien Formen sind darin klare, scharf geschnittene, der Realität entnommene Gegenstände ein- und überlagert. Details aus der realen Welt – „Schlüsselfiguren“, „Zuschauer“, „Beobachter“, aber auch technische Gebilde mit ihren konstruktiven Elementen und Formen werden mit Bildern aus einer Welt des Träumens, des inneren Erlebens konfrontiert (Abb. 8). Durch die Gegensätze entsteht eine Spannung. „Je fotografischer, realer, technischer das Eine und je unpräziser, träumerischer, irrealer das Andere, desto größer ist die Spannung, desto größer vielleicht aber auch der daraus entstehende Interpretationsspielraum und die Möglichkeit zum Dialog“ (Heinecke, 2006).

 Uta Heinecke spinnt damit den Faden der Auseinandersetzung mit dem Leben in zwei Welten weiter, indem sie versucht, „mit diesen Bildern nicht nur einen Dialog – ihrer - zwei Welten darzustellen, sondern auch die Kommunikation einer technischen, realen, konkreten Welt mit der künstlerischen“. In ihren Bildern lässt sie Konstruiertes, Durchdachtes, Genaues in vielfältiger Weise auf Undeutliches, Verschlüsseltes, Spontanes  treffen (Abb. 9).

 

Erweitert wird dieser Dialog in Heineckes jüngsten Arbeiten um eine künstlerische Auseinandersetzung mit persönlichen Erfahrungen in der Berufswelt einer Ingenieurin. So versammelt etwa die Installation „Tagebuchköpfe – Kopfgeschichten“ vom Sommer 2008 an die 250 verschiedene Darstellungen – Zeichnungen, Collagen auf Papier, Holzschnitte, Monotypien – von Köpfen, die als „Momentaufnahmen“ Eindrücke  tagebuchartig scharf charakterisieren und dabei Berufliches, Wirtschaftliches, Politisches in den Blick nehmen und über das persönliche Erleben ins Bild transformieren. In Acryl- und Ölgemälden in größeren Formaten zum gleichen Thema verbindet  Heinecke solche Eindrücke immer wieder mit Erlebnissen aus dem persönlichen Bereich und aus der Begegnung mit der Natur und gestaltet die daraus entstehenden „Kopfgeschichten“ zu „farbigen“, oft humorvollen Selbstporträts im übertragenen Sinn. (Abb. 10) Der Betrachter wird hineingezogen in das Spannungsfeld, das sich aufbaut zwischen dem, was ihm in konkreten und collageartigen Abbildungen des Realen in diesen Bildern entgegentritt, und dem, was sich in ihm durch das im Malerischen atmosphärisch Ausdrückbare an Vorstellungen, Assoziationen und Entdeckungen ereignet. Das Spannungsfeld zwischen den Polen im Leben wird wahrnehmbar und nachempfindbar, der Betrachter nimmt mehr und mehr teil an dem Dialog, den Heinecke anspricht, wenn sie formuliert: „Im Leben zwischen den Polen geht der Dialog weiter“.

Den Text zu ihrer letzten Ausstellung in Wien schließt Uta Heinecke mit den Worten: „Meine Reise ist noch nicht zu Ende“.

Auf welchem Weg und mit welchen Schritten diese Reise weitergeht, kann mit Spannung und Interesse erwartet werden (Abb. 11).

 

Zitate:

Evelyne Mewes, Eröffnungsrede Kunstraum Farmsen, Hamburg 2001

Novotny Tihamér, Eröffnungsrede Goethe- Institut Budapest, 2001

(zitiert in Szétguruló Üveggolyókban, VLS-Verlag, Szentendre, 2004)

Gunter Damisch, Eröffnungsrede Galerie Ariadne, „Kunterbunt“, 2002

 

Photos:

Kurt Pultar (Reproduktionen), Uta Heinecke (Ausstellungen), Christian Sauer (Porträts)

 

 

Ausstellungsankündigung:

Ausstellung 17. April 2009 in der Kellergalerie art.ig


Abbildung 1: 

 „Dr. Jekyll und Mrs. H.“, Installation, TU Wien, Prechtl- Saal, 2005

 

Abbildung 2:

Schau an (G. Damisch), Farbholzschnitt, Mischtechnik, 35 x 25 cm, 2006

 

Abbildung 3:

Denkfabrik (D. Gutknecht), Farbholzschnitt/Bütten, 68 x 75 cm, 2006


Abbildung 4:

Im Atelier

 

Abbildung 5:

Textilinstallation, Ausstellung im Prechtl-Saal, TU-Wien, 2005

 

Abbildung 6:    

„WeltTraum“, Textilinstallation, 12m x 8m x 5m, Ausstellungsprojekt mit dem Kosmonauten Viktor Afanasief, Museum für Luft und Raumfahrt, Merseburg, 2002


Abbildung 7:

Frauenbuch, Zeichnung, 140 x 100 cm,  2003

Abbildung 8:       

überdrucktes Tagebuchblatt, 2006, Mischtechnik, Farbholzschnitt, 35 x 25cm

Abbildung 9:   

Aus der Serie Blau oder der Traum vom Fliegen, 2006, Öl, Acryl, Kreide/Leinwand, 100 x 70cm

Abbildung 10:

 „Tagebuchköpfe“

 

Abbildung 11:

Standpunkt, Uta Heinecke in der Ausstellung Dr. Jekyll und Mrs. H., Prechtl-Saal, TU Wien, 2005